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12. April 2026

Das Zimmer ohne Fenster — Was geschah in den drei Wochen vor der Bulle?

Zwischen dem 21. Juli und dem 16. August 1773 traf sich Lorenzo Ricci mehrfach in einem Vatikan-Raum, der in keinem Bauplan eingetragen ist. Was wir wissen — und was wir vermuten.

Am 21. Juli 1773 wird in der päpstlichen Kanzlei eine Bulle datiert, deren Verkündung erst dreieinhalb Wochen später, am 16. August 1773, erfolgen wird. Dominus ac Redemptor noster — ein Dokument von achtzehn Seiten, das in seinem dritten Absatz mit einer schlichten, fast bürokratischen Wendung den größten katholischen Orden seiner Zeit auflöst.

Drei Wochen.

In diesen drei Wochen geschieht etwas, das in keiner offiziellen Akte des Heiligen Stuhls steht. Lorenzo Ricci, achtzehnter Generaloberer der Gesellschaft Jesu, der die Bulle in Florenz erstmals zu Gesicht bekommt, kehrt unverzüglich nach Rom zurück. Er trifft sich — das ist dokumentiert — an mindestens fünf verschiedenen Tagen mit unterschiedlichen Gruppen seiner Patres in einem Vatikan-Raum, der in den damaligen Plänen des Apostolischen Palastes nicht existiert.

Das cubiculum sine fenestris. Das Zimmer ohne Fenster.

Was die Akten sagen

Der Begriff selbst taucht zum ersten Mal im Brief eines unbekannten Kämmerers an einen römischen Adligen auf, datiert auf den 29. Juli 1773. Der Brief — heute im Geheimarchiv des Vatikans unter der Signatur ASV Misc. Arm. 12, Tom. 89 katalogisiert — erwähnt das Zimmer mit beiläufiger Selbstverständlichkeit. Als wäre seine Existenz im Kurialhaushalt allgemein bekannt.

Sie war es nicht.

Eine Kommission unter dem damaligen Vatikan-Bibliothekar versuchte 1798, nach der Plünderung Roms durch Napoleon, das Zimmer in den Plänen zu lokalisieren. Sie scheiterte. Die heute erhaltenen Grundrisse — übrigens nicht das Original sondern eine Abschrift von 1812 — kennen keinen solchen Raum. Was es darin gibt: einen schmalen Korridor zwischen der vatikanischen Bibliothek und dem Privatappartement des Schatzmeisters, der laut Beschriftung "locus vacuus" heißt — leerer Ort. Vier mal sechs Meter, kein Fenster, keine Funktion.

Was Riccis Sekretär bezeugte

Der einzige Mensch, der nach 1775 schriftlich über das Zimmer sprach, war Antonio Galanti, persönlicher Sekretär Riccis bis zu dessen Verhaftung. Galanti emigrierte nach der Auflösung der Jesuiten nach Genua, später nach Marseille. In einem Brief vom 8. Februar 1782 an seinen ehemaligen Mitnoviziaten Pater Federici schreibt er:

"Padre Ricci hat in jener letzten Woche siebenmal das Zimmer betreten. Beim sechsten Mal hat er mir die Tür gewiesen und gebeten, draußen zu warten. Er war neunzig Minuten drinnen. Als er herauskam, hatte er das Pergament, von dem alle wissen, in der Hand. Er hat es mir nicht gegeben. Er hat es ins Feuer gelegt — vor meinen Augen, in seinem Privatkamin — und er hat gewartet, bis es Asche war. Er hat dann gesagt: 'Antonio, was in dem Zimmer geschehen ist, hat es nicht gegeben. Du wirst niemals davon sprechen. Auch nicht zu mir.'"

Galanti hat dieses Versprechen sieben Jahre gehalten. Erst in dem Brief von 1782 — sechseinhalb Jahre nach Riccis Tod — bricht er sein Schweigen.

Sieben Treffen, sieben Patres?

Die Zahl Sieben taucht in Galantis Bericht zweimal auf. Sieben Treffen Ricci im Zimmer. Sieben Treffen, an denen — soweit Galanti die Empfangsbescheinigungen zählte — jeweils ein anderer Pater anwesend war. Niemals zwei zur gleichen Zeit. Niemals derselbe Pater zweimal.

Wer diese sieben Patres waren, ist nicht überliefert. Galanti notiert in seinem Brief, dass die Empfangsbescheinigungen nach jedem Treffen "im Kamin desselben Raums vernichtet" wurden — nicht im Privatkamin Riccis, sondern im Zimmer ohne Fenster selbst. Der Kamin existiert in keinem Plan. Galanti hat ihn aber genau beschrieben: niedrig, schmal, mit einem Kupferrohr in der Decke, das in den Bibliotheksflügel mündet. Wer dort Feuer machte, hatte keinen Rauch nach draußen.

Was Historiker darüber sagen

Die katholische Historiografie hat das Galanti-Schreiben bis ins späte 20. Jahrhundert konsequent als "apokryphisch" eingestuft. Der Brief — so die Argumentation — sei zu spät verfasst, zu spezifisch in Details, und der Bezug auf das cubiculum sine fenestris sei aus dem Kämmerer-Brief von 1773 nachträglich konstruiert worden, um historisches Gewicht zu suggerieren.

Diese Position wurde 2008 von der italienischen Jesuitin-Historikerin Maria Carmela Galeotti relativiert. In einem Aufsatz für Archivum Historicum Societatis Iesu wies sie nach, dass mehrere Details aus Galantis Brief — etwa die Lage des Privatkamins Riccis und die spezifische Anordnung der Kerzenleuchter im Bibliotheksflügel — sich erst nach 1980 verifizieren ließen, also lange nach Galantis Tod 1796. Sie schreibt:

"Wenn der Brief eine Fälschung ist, dann eine außerordentlich kompetente. Sein Verfasser hätte über Wissen verfügen müssen, das selbst der vatikanischen Bauverwaltung im 19. und frühen 20. Jahrhundert nicht zur Verfügung stand."

Galeotti zieht aus dieser Beobachtung keine direkten Schlüsse. Sie nennt es eine "ungelöste Diskrepanz".

Was wir nicht wissen

Wir wissen nicht, was in dem Zimmer beschlossen wurde. Wir wissen nicht, wer die sieben Patres waren. Wir wissen nicht, was auf dem Pergament stand, das Ricci am Ende verbrannte. Wir wissen nicht einmal sicher, ob das Zimmer noch existiert oder ob es bei der Renovierung des Bibliotheksflügels 1893 entfernt wurde.

Was wir wissen: Sieben Wochen nach der letzten Begegnung im cubiculum sine fenestris werden in sieben verschiedenen Teilen Europas sieben Patres aus der Liste der ehemaligen Mitglieder der Gesellschaft Jesu gestrichen. Nicht ausgetreten. Nicht verstorben. Gestrichen. Ohne Angabe von Gründen.

Ihre Namen sind in den Akten geblieben. Über ihren Verbleib gibt es keine Aufzeichnungen.


In »Der erste Vers« — der Pilot-Novelle der Septalogie SEPTEM FONTES — findet eine Theologin in der Eifel einen Stein aus dem Jahr 1773 mit sieben Namen. Den siebten Namen kennt sie. Es ist ihr eigener.

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Septem Fontes — Privata

Der Quellen-Brief

Ein seltener Brief aus der Welt der Sieben — er kommt, wenn eine der Quellen zu sprechen beginnt. Nie nach Plan. Nie belanglos.

  • Latein-Verse, Karten und Fragmente aus 1773 — wenn die Welt etwas preisgibt.
  • Eine stille Nachricht, sobald ein neues Buch die Quelle erreicht
  • Mehr nicht. Kein Lärm, kein Verkaufen — und jederzeit ein Schritt hinaus.